1804 – 1844

Der schwere Anfang

Drei der Minoritenbrüder waren in Lennep geblieben: Pfarrer Adalbert Rinck, Kaplan Liborius Heerdt und Küster Benvenutus Rötger. Am 9. Juni 1804 schrieb Pfarrer Rinck einen dringenden Bittbrief an die kurfürstliche Schulkommission – Herr im Land war Max Joseph, Kurfürst von Bayern, Herzog von Berg -, man möge einen Lehrer mit angemessenem Gehalt senden, denn nur ein Drittel der Eltern sei fähig, Schulgeld zu zahlen, „und so habe kein Lehrer Bestand“. Die Schule aber geriete völlig ins Stocken, die Kinder liefen wild auf den Gassen umher, sammelten sich auch nur schwer zum Religionsunterricht. Da sie schon mit 10 bis 11 Jahren in die Fabriken müssten, wäre es dringend, doch die Zeit vorher zu nutzen.

Der Brief scheint erfolgreich gewesen zu sein, denn aus den oben genannten Zeugenaussagen und aus einem Brief des späteren Lehrers Moll geht hervor, dass für knapp drei Jahre, etwa von 1804 bis 1807, ein Franzose namens Rousseaux als Lehrer wieder im alten Kloster unterrichtete. Er erhielt 100 Taler Jahresgehalt und 20 Taler aus der Hückeswagener Schulrente – eine Abgabe der lutherischen Gemeinde Hückeswagen an eine arme katholische Gemeinde als Dank für die landesherrliche Erlaubnis, lutherischen Gottesdienst feiern zu dürfen. Da Rousseaux aber mit diesem Geld nicht auskam, bettelte er bei den wohlhabenden Familien Lenneps und verließ schließlich mit 300 Talern Schulden die Stadt.

1807 aber kam Lehrer Laurenz Moll. Inzwischen hatte Napoleon das Bergische Land besetzt, sein Schwager Joachim Murat regierte und man bemühte sich, das Schulwesen zu fördern, was aber nur wenig Erfolg brachte, da Napoleons Kriege ungeheure Steuerlasten in der Folge hatten.

Mit Laurenz Moll beginnt die eigentliche Zeit des Aufbaues der katholischen Volksschule, er war ihr erster Lehrer und Schulleiter und hat ihre schwersten Jahre getragen. Als er kam, war er ein junger Mann von 20 Jahren, Sohn eines Lehrers. Er heiratete 1810 Maria Theresia Herzog, die Tochter eines Notars, die in Lennep wohnte. Da unter der französischen Besatzung die ersten standesamtlichen Eintragungen eingeführt wurden, finden wir das Heiratsaufgebot der beiden hier in unserer Verwaltungsstelle am Thüringsberg auf der ersten Seite des neu begonnenen Buches. Das Paar bekam 13 Kinder. Lehrer Moll blieb 53 Jahre in Lennep im Dienst, 1860 wurde er im Alter von 73 Jahren halb gegen seinen Willen pensioniert.

Die Schule war vom Gartenhaus wieder ins alte Kloster verlegt worden, da die Regierung der katholischen Gemeinde die Kirche, Nord- und Ostflügel des Klosters und den Garten zur Verfügung stellte. Der Unterrichtsraum lag im Nordflügel, er war – von der Maßeinheit „Fuß“ auf „Meter“ umgerechnet – 9,42 m lang, 4,77 m breit und 3,77 m hoch, hatte also etwa 45 m². Direkt daneben bekam Lehrer Moll zwei Wohnräume, außerdem durfte er den Klostergarten bewirtschaften. Im ersten Stock über der Schule wohnten Pfarrer und Kaplan, im Ostflügel waren der Küster und die Sakristei untergebracht.

1810 verkaufte die französische Regierung dann Teile des Klosterbesitzes an den Kaufmann Johann Daniel Fuhrmann, der das alte Gartenhaus, das so lange als Schulhaus gedient hatte, abreißen ließ. Fuhrmann kaufte auch das erste Schulhaus von 1733 an der Wallstraße, das Ökonomiegebäude, den Friedhof und zwei Drittel des Klostergartens. Im Staatsarchiv ist noch ein Bittbrief von 1809 erhalten, doch Lehrer Moll den Klostergarten ganz zu belassen, da er in so kümmerlichen Verhältnissen lebe, doch es blieb bei dem Verkauf.

Die alten Klostergebäude waren in sehr schlechter baulicher Verlassung, und so reißen etwa ab 1812 die Klagen über den Zustand der Schule und der Lehrerwohnung nicht mehr ab. 1812 und 1814 schrieb Lehrer Moll in seinen Berichten, Schulraum und Wohnung seien feucht, da sie 4 Fuß, also etwa 1,20 m unter dem Gartenterrain lägen. Der Fußboden faule, die dicken Mauern erwärmten sich nicht, der Schulraum habe keine Sonne, die Fenster und das Dach seien undicht. Daher litten er und seine Familie ständig unter Krankheiten. Auch sei der Raum zu eng für die 60 – 70 Schüler, die regelmäßig kämen, erst recht, wenn alle 140 schulfähigen Kinder anwesend wären.

Es fehle auch an Pulten, Tischen und Bänken und einem Sitz für den Lehrer, doch sei kaum Platz zum Aufstellen vorhanden, ein Kauf daher im Augenblick sinnlos. Außer Ofen und Schrank gehörten noch ein Globus, zwei Landkarten und einige Bücher über Geschichte und Naturkunde zum Inventar. Als 1819 der Kreisphysikus Dr. Burgmann auf dringendes Ersuchen des Schulvorstandes die Schule besuchte, hatte sich nichts geändert. Er fand 90 Kinder in größter Enge, hörte, dass es oft über 100 seien und 50 Schulpflichtige noch fehlten. Außerdem brauchte man im Winter noch Platz für den Ofen, den man wegen der warmen Jahreszeit entfernt hatte. Das Wasser lief an den Scheiben herunter, die Luft war zum Schneiden. Der Arzt befürwortete eine sofortige Erweiterung des Klassenraumes und sprach sich für die Anstellung eines zweiten Lehrers aus, aber es gab ja keinen Raum für ihn. Erweiterungs- und Umbaupläne, die der Schulvorstand mehrere Male eingereicht hatte, waren von der Regierung immer wieder aus den verschiedensten Gründen abschlägig beschieden worden.

Natürlich litt auch der Unterricht unter diesen Verhältnissen. Als 1825 die evangelischen Schulen eine neue Schulordnung erarbeitet hatten und der Bürgermeister anfragte, ob die katholische Schule sie ebenfalls übernehmen wolle, antwortete der Schulvorstand, es sei nicht daran zu denken. Lehrer Moll halte nur mit größter Mühe im Lernstoff Schritt mit den anderen Schulen, geschweige denn könne er noch Neues einführen. Erst eine neue Schule, dann eine neue Schulordnung.

Von Seiten der Regierung allerdings waren schon einige neue Regelungen im Schulwesen eingeführt worden. Nach Ende der französischen Besatzung 1814 erließ Generalgouverneur Justus Gruner neue Schulverordnungen, die dann 1825 durch Verordnungen der preußischen Regierung ergänzt wurden. Die alten Amtsblätter liegen uns noch vor. Jede Schule musste einen Schulvorstand haben; bei den konfessionellen Schulen waren es meist der Ortsgeistliche und zwei berufene Bürger. Darüber stand der Schulpfleger, ebenfalls ein Geistlicher der entsprechenden Konfession, darüber dann der staatliche Schulrat. Die Schule war also der Kirche und dem Staat verpflichtet; die Lehrer wurden vereidigt, ab 1834 durch den Pfarrer.

Schon 1814 wurde die Schulpflicht für die Kinder im Alter von 9 – 12 Jahren eingeführt, aber auch Sechsjährige durften zur Schule, wenn Platz genug vorhanden war. Es gab nun auch einen jährlichen Schuletat, aus dem alle Ausgaben für das Lehrergehalt von 250 Franc jährlich, Baureparaturen, Schulinventar und Lehrmittel bezahlt werden konnten. Die Lehrer sollten drei Zimmer und eine Küche bekommen, Gartenland und Wiese für eine Kuh. Bei 110 Kindern sollte ein zweiter Lehrer eingestellt werden. Die Kinder mussten ein kleines Schulgeld an den Lehrer entrichten und Geld für Brennmaterial mitbringen, für arme Kinder zahlte die Armenkasse.

Die guten Gesetze kamen aber nur langsam zum Tragen. Nicht alle Kinder genügten der Schulpflicht, längst nicht alle zahlten Schul- und Brandgeld. Die Armenkasse warf der katholischen Schule vor, sie melde prozentual zu viel bedürftige Kinder. So musste der Lehrer oft monate-, ja jahrelang auf sein Geld warten, wie er immer wieder in Eingaben beklagt. Er war auf Nebenverdienste angewiesen. Moll züchtete Obstbäume, verkaufte sie und gab Unterricht im Veredeln. Er richtete eine Abendschule ein, die aber wegen des Schulgeldes nur mäßigen Zuspruch hatte. Er übernahm Reinigung und Heizung seines Klassenraumes. Immer wieder bat er um Gratifikationen für gute Leistungen, die ihm auch oft gewährt wurden. Im Jahre 1824 wurde ihm allerdings ein Nebenverdienst untersagt. Alljährlich hatte er am Portiunkulafest, dem Pfarrfest aus der Zeit der Minoriten, in der Schule eine Weinschenke mit Tanzmusik veranstaltet, sozusagen das erste Pfarr- und Schulfest! Das wurde nun verboten, da man Tanzen und Trinken im Schul- und Klostergebäude unschicklich fand, Pfarrer Rinck zudem erkrankt war und der Kaplan sich über die Störung seiner Nachtruhe beschwerte. Da man aber einsah, wie nötig Moll das Geld brauchte – eine Wiese für eine Kuh hatte er auch nicht bekommen – so bemühte man sich, ihm eine jährliche Zulage zu verschaffen und einen dritten Wohnraum, denn, so schrieb der Schulvorstand, man bewundere seine tüchtige Arbeit und wolle sie nicht durch allzu viele Nebentätigkeiten geschmälert wissen!

1828 war die Schülerzahl auf über 200 angestiegen. Seit Ende der Franzosenzeit war die Tuchindustrie, die 1806 wegen der politisch bedingten Handelsbeschränkungen nach Eupen und Verviers umgesiedelt war, allmählich zurückgekehrt, und mit ihr kamen viele Arbeiter katholischen Glaubens nach Lennep. Die Schulsituation wurde unerträglich. Da mietete die Stadtverwaltung ein leerstehendes Farbhaus des ehemaligen Tuch-, jetzt Tabakfabrikanten Caspar vom Bauer im Hinterhof der Schwelmer Straße 23 an. Man zog eine Decke ein und baute eine Treppe ein, so dass man zwei Schulräume bekam, die allerdings von der Bausubstanz und Ausstattung her kaum besser als das alte Kloster waren.

Lehrer Molls 16-jähriger Sohn unterrichtete nun unter Anleitung des Vaters die Unterstufe. Der Mietvertrag mit Caspar vom Bauer, der noch vorhanden ist, enthält einige uns drollig anmutende Bestimmungen, z.B. dass die Jauche aus den Abtritten nur von Lehrer Moll für seinen Garten benutzt werden dürfe. Drei Jahre später, 1831, kam es dann auf den energischen Einspruch des neuen Pfarrers Baudri, des späteren Kölner Weihbischofs, hin zur Einstellung eines zweiten Lehrers, eines „Hülfslehrers“, der noch die Examina ablegen musste und vorerst entsprechend schlecht bezahlt wurde. Dennoch musste Lehrer Moll, da er nun weniger Schüler unterrichtete, 60 Taler seines Gehalts an den neuen Hülfslehrer abtreten, was von vornherein das gegenseitige Verhältnis störte. Der neue Lehrer hieß Johann Peter Tacke. Er bekam als Wohnung den alten Schulraum im Kloster, den man etwas herrichten ließ. Bis 1872 – also 41 Jahre lang – arbeitete er an der katholischen Schule. Er heiratete bald und hatte drei Kinder; 1848 legte er die Prüfung ab und konnte nun ein etwas besseres Gehalt beziehen. Er hat wohl von allen Lehrern der Schule am ärmlichsten gelebt, doch wurde von vielen Seiten seine Bescheidenheit und Pflichttreue gerühmt.

Der Kampf um den Schulneubau

Die Notwendigkeit eines Schulneubaus wurde immer dringender, die Eltern beschwerten sich bei Pfarrer Baudri über die gesundheitliche Gefährdung ihrer Kinder in dem alten Fabrikgebäude. Doch wer sollte den Bau bezahlen? Die katholische Gemeinde hatte kein Geld; auch Kirche und Pfarrhaus bedurften dringend einer Erneuerung, da die Kirche viel zu klein und das Kloster als Pfarrhaus fast einsturzgefährdet war.

Die Stadt Lennep, die vom Gesetz her für die Schulen zu sorgen hatte, stellte sich auf den Standpunkt, die Schule sei Eigentum des Klosters gewesen, wer Geld aus dem Verkauf des Klosterbesitzes bekommen habe, müsse die Schule bauen. Dies betraf nun die Bayrische Regierung von 1804 und die französische von 1810, die beide nicht mehr existierten. Die jetzige preußische Regierung lehnte diese Zumutung ab. Sie war nur zur einmaligen Zahlung von 2000 Talern bereit. Die Stadt Lennep nahm das Angebot nicht an und ging vor Gericht. Es kam zu einem Rechtsstreit, der mehrere Jahre dauerte. Lennep gewann zunächst den Prozess beim Landgericht Düsseldorf, verlor ihn aber 1832 vor dem Appellationsgericht in Köln, das von der Regierung angerufen worden war. Die Stadt wurde verpflichtet, die Schule zu bauen. Der Stadtrat aber gab nicht nach. Eingaben an das königliche Ministerium in Berlin und schließlich an seine Majestät, König Friedrich Wilhelm IV., brachten aber nur einen Aufschub der Verpflichtung. Die Eingaben wurden abgelehnt.

Endlich, im Jahre 1841, die katholische Schule war jetzt 13 Jahre im Farbhaus, begann man, ein Baugrundstück zu suchen. Man dachte zunächst an das restliche Drittel des Klostergartens. Doch Kaufmann Fuhrmann bot Tauschgrundstücke an, damit ein Schulbau auf dem Klostergelände nicht sein Wolllager verdunkele. Man entschied sich für einen Garten vor dem Wasser- oder Mühlentor an der heutigen Mühlenstraße, die damals Rader Straße hieß. Er war an eine Witwe Krautmann verpachtet, die mit dem Tausch einverstanden war und an Lehrer Moll jährlich 25 Taler für die verlorene Gartennutzung zahlen wollte. Nun bewilligte der Stadtrat 500 Taler für den Bau, der als Fachwerkbau aufgeführt und verschiefert werden sollte. Das Dach sollte mit in Salzlauge getränktem Stroh gedeckt werden.

Der Schulvorstand glaubte, aufatmen zu können, da gab es plötzlich heftige Proteste aus der Pfarrgemeinde. Eine Gruppe meldete Bedenken an gegen den Gartentausch und wandte sich bis an das Königliche Ministerium in Berlin mit ihrem Einspruch. Sie betrachtete das Klostergelände als uraltes Eigentum der Gemeinde, legte Pläne vor, nach denen Kirche, Schul- und Pfarrhaus auf dem verbliebenen Gelände erbaut werden könnten und gaben zu Bedenken, dass die Abwässer der Lenneper offen durch den Wiesengrund neben der geplanten Schule flössen – ein Argument, das später auch Baumeister Schmidt, der hier ein hohes Ansehen genoss, zum Schulbau äußerte.

Der Einspruch wurde abgewiesen, worüber zwei weitere Jahre vergingen. 1843 begann man zu bauen.

Einige Zeit vor der Fertigstellung erfuhr der Schulvorstand, die Stadtverwaltung beabsichtige, der katholischen Schule mit ihren 285 Schülern und zwei Lehrern zwei der vier neuen Schulräume und zwei Lehrerwohnungen zu überlassen, der dritte Schulraum solle verschlossen bleiben bis zur Bildung einer dritten Klasse, der vierte der evangelischen Schule zugeteilt werden, die auch an Raumnot litt. Darauf verweigerte der Schulvorstand die Übernahme der Schule, und es kam zu einem heftigen Streit mit dem Stadtrat. Man hatte den dritten Raum für eine Näh- und Handarbeitsgruppe für die Mädchen unter Leitung der Schwester des Pfarrers vorgesehen, da die Mädchen durch die allzu frühe Fabrikarbeit kaum Gelegenheit hatten, den Haushalt zu erlernen. Eine kleine Nähgruppe bestand bereits im Pfarrhaus. Da die Schulmöbel aus dem Farbhaus zur Renovierung abgeholt und bereits im neuen Schulhaus aufgestellt worden waren, man aber wegen des Streits nicht einzog, fiel der Unterricht fast ein Vierteljahr aus! Schließlich entschied die Regierung im Sinne der Stadt. Die Nähschule sei wünschenswert, die Stadt aber nicht verpflichtet, einen Raum dafür zu stellen. Man müsse die Schule sofort übernehmen, andernfalls gäbe es Ordnungsstrafen. So kam Schulpfleger Wolff aus Ronsdorf zur amtlichen Übernahme, und am 24. 6. 1844 konnte endlich der Unterricht im neuen Haus beginnen. Leider verhinderten die widrigen Umstände eine würdige Einweihungsfeier.

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